Erst kommt das Mobbing, dann das Lockout

März 13, 2009 at 22:08 4 Kommentare

Über Individualismus in Unternehmen

Es ist schon wieder jemand entlassen worden, kurzfristig. Genauer: von einem Tag auf den andern. Jemand in einer wichtigen Position, und es gab bereits mehrere solcher Fälle in den letzten ein bis zwei Jahren. Ohne dass Genaueres an die Öffentlichkeit dringt, erscheinen sie plötzlich nicht mehr zur Arbeit. Angeblich wissen selbst die Betroffenen nicht den wirklichen Grund.

Solche Nachrichten hört man gelegentlich aus autoritär geführten Firmen, und man kann nur vermuten, dass die Pechvögel ihre Finger auf etwas legten, was der Führungsspitze nicht gefiel. Oder dass sie eigene Ideen hatten, bessere vielleicht. Dass sie nicht unterschrieben, wenn etwas Suspektes vorgeht.

Die Angst geht um in mancher Firma. Es herrscht Misstrauen zwischen Führungskräften und Belegschaft, Mitarbeiter fühlen sich bespitzelt. In der jüngsten Vergangenheit haben vor allem Lebensmitteldiscounter und die Deutsche Bahn in diesem Zusammenhang von sich reden gemacht. Die Belegschaft hält den Mund, sieht weder nach links noch nach rechts und macht ihre Arbeit nach Vorgabe.

Frana (Name geändert), 26, berichtet:

Unverbindlich bleiben
„Nach dem Studium fing ich in einem großen, internationalen Unternehmen an und bin seit zwei Jahren in einer Junior-Position. Die Arbeit macht Spaß, aber ich muss aufpassen, mich nicht auf eins der verschiedenen Lager der Firma einzulassen. Immer wieder wird in höheren Ebenen eine Alpha-Figur aus solchen Gruppierungen verjagt, und dann folgt die Hetze auf seine Verbündeten. Manche werden dann behindert, gemobbt, verabschiedet. Ich lasse die Finger von zu viel Kameradschaft, weil es mir schaden könnte.

Ziele anpassen
Schwierig ist es auch, bei Projekten eigene Vorschläge einzubringen. Ich möcht mal in die Top-Etagen aufsteigen und da geht es nicht, dass ich in Sachfragen gleich einknicke. Leider kann ich das selbstbewusste Geradestehen für eine Idee nicht trainieren, denn es könnte Nachteile haben. Man wird hier als Gefahr empfunden, wenn man sich gegen Widerstände durchsetzen kann. Am gefährlichsten ist es aber, wenn die eigenen Vorstöße Vorgaben oder gar Schwächen des Managements antasten. Ich kenne Kollegen, bei denen das finanzielle und arbeitsrechtlich fragwürdige Konsequenzen hatte.

Fit für die Zukunft?
Ich zieh also den Kopf ein und erledige das, was man mir sagt mit den Mitteln, die man mir gibt. Ich hinterfrage nichts. Mir ist klar: Wenn ich zu lange in dieser Firma bleibe und eines Tages wechsle, werden andere einen Vorteil haben im Rennen um gute Positionen und Gehälter. Weil die in ihrer Laufbahn lernen durften, selbstbewusst, mutig, kämpferisch und dynamisch für ihre Ziele zu arbeiten. Während ich lernte, mich argwöhnisch überall rauszuhalten und niemals Zweifel zu äußern. Zumindest nicht laut.”

Wenn selbstsichere, hinterfragende Persönlichkeiten klein gehalten werden, dann bleibt eine schmale Elite mit breitem Gefolge. Man könnte glauben, die wahre deutsche Wiedervereinigung finde in solchen Firmen statt, und leider ist nicht der Westen führend. Stromlinienförmige Charaktere haben Erfolg. Befehlsempfänger, die ihre eigenen Gedanken nur dann aussprechen, wenn sie sicher zum Konzept des Managements passen. Wenn sie eigene Gedanken überhaupt noch haben.

Gibt es womöglich doch eine deutsche Mentalität, die für „so was” anfällig ist? Oder steckt es einfach im Menschen, der sich schützen will? Was muss passieren, damit viele sich klein machen und ein paar Wenige groß sein lassen? Was es macht es vor allem mit jungen Persönlichkeiten in einem Unternehmen, wenn Individualismus unterdrückt wird, oder andersherum: Wer schafft den Weg nach oben?

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Die drei Affen

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  • 1. Babs  |  März 15, 2009 um 13:04

    Ob Anpassertum etwas Deutsches ist, kann ich nicht beurteilen. Fragwürdige Managementkultur ist es mit Sicherheit nicht, und diese wird eigenständige Denker immer verscheuchen und Mundhalter fördern. Ein Beispiel ist die britische Barclays Bank, die in diesen Tagen nicht nur mit ausgeklügelten Modellen zur „Steuerersparnis“ in die Schlagzeilen kam, sondern auch durch Gerüchte über die eigenwillige Führungspolitik eines der Chief Executives, Roger Jenkins.

    Im „Guardian” ist zu lesen, dass Jenkins angeblich seinen Direktoren z.B. damit drohe, dass einer von ihnen gefeuert wird, und wer es ist hängt vom jeweils nächsten Geschäft der Betroffenen ab. Unangekündigte Entlassungen seien die Folge, wenn jemand nicht verstanden hat, die Hierarchie anzuerkennen. Dann hört man von Pokerabenden der Manager, in denen es um sehr hohe Summen geht. Macht einer den Fehler, gegen Jenkins zu gewinnen, wird ihm das Geld vom nächsten Bonus abgezogen. Höhepunkt ist dem Vernehmen nach eine Show, in der einer der Direktoren auf einem elektrischen Stuhl präsentiert wird. Dies zur Demütigung, aber auch zur Warnung, falls streng vertrauliche Daten über die Geschäftspraktiken der Bank nach außen gelangen. Mehr Beispiele sind hier nachzulesen: “ http://www.guardian.co.uk/business/2009/mar/20/barclays-guardian-tax-claim

    Selbst wenn nur die Hälfte wahr ist, möchte man so nicht arbeiten müssen und es stellt sich die Frage, wie gehorsam diese Manager geworden sind, oder wie geldgierig, wenn sie das alles aushalten. Auf jeden Fall wäre es interessant zu wissen, wie sie mit ihrem eigenen Druck umgehen. Es würde mich überraschen, wenn dieser nicht nach unten weitergegeben würde, so dass auch in diesem Unternehmen Knechte und Duckmäuser die besseren Karten hätten.

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  • 2. Charlotte Dallmann  |  März 17, 2009 um 09:05

    Da fällt mir eine intelligente und leistungsbereite Spitzenmanagerin in unserem Unternehmen ein, die sich bis in diese Position hochgearbeitet hat. Niemand hat Zweifel an ihrer Qualifizierung, aber keiner traut ihr. Es ist bekannt, dass sie der Führungsebene ergeben dient. Daran ist nichts Falsches, solange sie keine unterdrückten Wahrheiten und falschen Entscheidungen hinnimmt oder gar mit trägt. Kein Manager weiß alles, auch kein Top-Manager. Es muss Gegenvorschläge geben und Einhalt geboten werden dürfen wenn nötig.

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  • 3. FreeSpeech  |  März 18, 2009 um 09:06

    Ich hab was Interessantes gefunden!
    http://www.netzwerk-ampel.de/fileadmin/redaktion/zukunft_unternehmen/texte/Vortrag_Thomas_Meiren.pdf

    Schaut euch das mal an und besonders Seite 24 – Typologie der Unternehmenskultur. Und was da über die autoritative Unternehmenskultur steht.

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  • 4. Tom  |  März 18, 2009 um 09:07

    Wenn man die individualistische anschaut, kommt man ins Träumen…

    Oh, Seite 25 – ebenfalls sehr interessant!!!

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