Archive for April 2009

Große Zeiten sind immer Zeiten, in denen alles schief geht.

(Theodor Fontane)

Neun Stunden schlafe ich täglich, seit neun Wochen. Erstaunlich ist, wie normal es von Anfang an schien, zu Hause zu sein, und ohne Arbeit. Ich hole den Schlaf von Jahrzehnten nach, und obwohl ich verstört sein müsste: statt Nervengeflatter spüre ich nun etwas Festes, Stabiles.

Sonst hab ich mich kaum verändert, ich bin immer noch ich. Der Schock ist freilich groß. Ich weiß nicht, wie es weitergeht und ich habe Angst. Doch mein Wesen ist immer noch so, wie mich die Leute kennen, und die Geschichte mit meiner Firma kennen sie auch. Dort wechselte im letzten Jahr die Unternehmensleitung und in der Folge schikanierte man mich. Erst wenig, dann mehr und nach ein paar Monaten geschah das Unfassbare: man hat sich von mir getrennt. Das interessiert jeden und ich erzähle es allen. Doch über kurz oder lang wird das besprochen sein, und dann? Wird Jammern und Greinen zu meiner Natur?

Nicht dass ich mich sorge. Vorerst ist nur mein Alltag anders. Ich lese jetzt die Morgenzeitung ganz, studiere Anzeigen, schreibe Bewerbungen, ich befasse mich mit Anwalt und Arbeitsamt, Büchern, Besuchen, Hausarbeit. Es gibt viel zu tun, und alles dauert länger, denn ich habe Zeit. Ich kann am Tag Wolken zählen und ich träum nachts von vergessenen Uhren. Was für ein Glück, sollte man denken. Jedoch denkt es eher: Tu etwas Sinnvolles! Noch immer jagt mich ein Dämon: Wer nicht arbeitet, verdient kein Vergnügen. Beim Lesen grummelt es, weil ich Einkäufe machen müsste, bei Besuchen denke ich an das ungemachte Bett. Mach dich nützlich! So wurde ich erzogen, so habe ich gelebt. Genießen ist gar nicht so einfach.

Ich habe jedoch gelernt zu vertrauen, und das hilft bei allem. In einem Boot sehe ich mich einen Fluss hinab gleiten in sonniger, friedvoller Landschaft. Ich betrachte die Ufer, die Sträucher und Blumen in allen Farben, es gibt viel zu sehn. Jeden Tag bete ich um das Vertrauen, dass Gott mein Boot in den rechten Fluss setzte, und er wird mir die Landestellen zeigen. Tatsächlich konnte ich im einen oder anderen Büro Interesse wecken, vielleicht wird eine Anstellung draus. Sonst werde ich Kurse belegen, oder ich gründe selbst eine Firma. Ein Stubenhocker bin ich nicht.

Ich kann also sagen: Ohne Arbeit mehr Schlaf. Das Bild von sich selbst muss man vielleicht neu finden, und bis dahin gibt es genug zu tun. Man hat wohl viel Zeit, doch man macht auch viel Unnützes. Die Freude daran fällt manchmal schwer, es ist wie ein Geschenk ohne Geburtstag. Doch es hilft zu vertrauen, dass alles sich fügt. Wo Türen sich schließen, gehn andere auf.

(Beitrag zur Blockparade mit dem Thema “Kultur des Scheiterns” von Petra Schuseil)

Add comment April 23, 2009

Auf Resultate kommt es an!

Vor einem Jahr schloss ich Freundschaft mit einer Zicke und einem faulen Sack. Wir kannten uns schon lange, entdeckten unsere gegenseitige Zuneigung aber nicht gleich. Jetzt mögen wir uns von Herzen, unsere Eigenarten finden wir aneinander reizvoll und den Alltag schmücken wir mit kleinen Gefälligkeiten. Wir arbeiten im selben Büro.

Unsere unvermutete Entwicklung kam mit dem neuen Boss. Bis dahin hatte tagein und tagaus jeder vor sich hingewurstelt und war im eigenen Revier geblieben. Ich hätt mir manchmal mehr Inspiration gewünscht, doch wir beschäftigten uns in der Hauptsache mit Daten und Zahlen, der Laden lief und man blieb für sich.

Nun ist es anders. Seit wir wie Hunde verprügelt werden, sind wir Verbündete. Wir arbeiten gut, doch der Boss will noch mehr. Er peitscht uns durch den Arbeitstag, jagt Zielen nach, die wir nicht verstehen, vieles will er anders und alles schnell. Aufgaben kamen dazu und viel Kritik. Wir leisten mehr als früher, doch es wird nicht gewürdigt.

Hinter geschlossenen Türen kläffen wir über unsere Not. Wir halten einander fest, machen uns Mut, versuchen klarzukommen und ziehn den Schwanz ein. Niemand wagt aufzumucken, der Boss hat viel Macht und Freunde in den richtigen Stellen. Nun gut. Das große Zittern ist bald vorbei, ich hab neue Arbeit gefunden.

Schade um die netten Kollegen!

Add comment April 5, 2009

Ich bin der Boss!

Autoritärer Führungsstil in Unternehmen

Hierarchische Entscheidungsmuster
Der autoritäre Führungsstil steuert ein Unternehmen durch festgelegte Prozesse, Normen und Vorgaben. Entscheidungen fließen von oben nach unten und Anweisungen müssen befolgt werden. Mitarbeiter haben nur wenig Entfaltungsspielraum, werden kontrolliert und in Entscheidungen nicht einbezogen. Grundlage eines autoritären Führungsstils ist die Gehorsamkeit der Mitarbeiter. Wenn diese die Autorität des Chefs anzweifeln, wird ein solcher Führungsstil scheitern.

Der große Vorteil dieses Führungsstils sind die schnellen Entscheidungen, die dadurch möglich werden, dass es kaum Diskussionen gibt. Manager wirken entscheidungsstark und durchsetzungsfähig, sie können direkt Einfluss nehmen auf die Arbeitsabläufe.

Andererseits ist die Gefahr groß, dass Rivalitäten zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzen gefördert, Flexibilität und Kreativität hingegen schwer gemacht werden. Die Motivation der Angestellten bleibt gering, denn sie können sich kaum verwirklichen. Dadurch gehen Talente und Impulse verloren – eine schlechte Basis für Spitzenleistungen.

Aktuelles Beispiel
Hartmut Mehdorn, vor kurzem zurück getretener Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, zählt zu den umstrittensten deutschen Managern und musste schließlich den Hut nehmen aufgrund seines autoritären, von Argwohn geprägten Führungsstils. Das Vertrauen zwischen der Unternehmensführung und den Beschäftigten wurde durch jahrelangen Datenabgleich und E-Mail-Kontrollen so nachhaltig beschädigt, dass ein Verbleib Mehdorns an der Spitze der Deutschen Bahn AG nicht mehr vertretbar war.

Besonders schwerwiegend kann sich beim autoritären Führungsstil auswirken, dass auch unangebrachte Anweisungen des Chefs ausgeführt werden. Das Debakel bei der Bahn konnte sich ereignen, weil Einwände und Stopp-Rufe nicht möglich waren. Mitarbeiterkontrolle und Überwachungswahn kann niemals das Instrument sein, um eine Organisation auf Dauer erfolgreich zu machen, und Mehdorn’s Umgebung hätte versuchen müssen, ihn davon abzuhalten. Ob es Warnungen gab und ob sich in Mehdorn’s Nähe überhaupt noch kritisch denkende und sich äußernde Manager hielten, darf indes bezweifelt werden. Aufsichtsrat, Gewerkschaften und Politik sprangen schließlich ein.

Ende gut? Es könnte besser sein!
Mehdorn, der die Deutsche Bahn zu einem profitablen, internationalen Logistik-Unternehmen gemacht hat, verliert aufgrund einer autoritären und von Misstrauen durchdrungenen Unternehmenskultur seinen Posten und damit die Möglichkeit, als Zugführer eines riesigen Betriebs weiter sein Können zu präsentieren.

Mehr dazu:
Die Welt
Tagesspiegel

Zitat: “Ende gut? Es könnte besser sein!” – © Friedrich Löchner,

Add comment April 1, 2009


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