Große Zeiten sind immer Zeiten, in denen alles schief geht.
April 23, 2009 at 09:34 Hinterlasse einen Kommentar
(Theodor Fontane)
Neun Stunden schlafe ich täglich, seit neun Wochen. Erstaunlich ist, wie normal es von Anfang an schien, zu Hause zu sein, und ohne Arbeit. Ich hole den Schlaf von Jahrzehnten nach, und obwohl ich verstört sein müsste: statt Nervengeflatter spüre ich nun etwas Festes, Stabiles.
Sonst hab ich mich kaum verändert, ich bin immer noch ich. Der Schock ist freilich groß. Ich weiß nicht, wie es weitergeht und ich habe Angst. Doch mein Wesen ist immer noch so, wie mich die Leute kennen, und die Geschichte mit meiner Firma kennen sie auch. Dort wechselte im letzten Jahr die Unternehmensleitung und in der Folge schikanierte man mich. Erst wenig, dann mehr und nach ein paar Monaten geschah das Unfassbare: man hat sich von mir getrennt. Das interessiert jeden und ich erzähle es allen. Doch über kurz oder lang wird das besprochen sein, und dann? Wird Jammern und Greinen zu meiner Natur?
Nicht dass ich mich sorge. Vorerst ist nur mein Alltag anders. Ich lese jetzt die Morgenzeitung ganz, studiere Anzeigen, schreibe Bewerbungen, ich befasse mich mit Anwalt und Arbeitsamt, Büchern, Besuchen, Hausarbeit. Es gibt viel zu tun, und alles dauert länger, denn ich habe Zeit. Ich kann am Tag Wolken zählen und ich träum nachts von vergessenen Uhren. Was für ein Glück, sollte man denken. Jedoch denkt es eher: Tu etwas Sinnvolles! Noch immer jagt mich ein Dämon: Wer nicht arbeitet, verdient kein Vergnügen. Beim Lesen grummelt es, weil ich Einkäufe machen müsste, bei Besuchen denke ich an das ungemachte Bett. Mach dich nützlich! So wurde ich erzogen, so habe ich gelebt. Genießen ist gar nicht so einfach.
Ich habe jedoch gelernt zu vertrauen, und das hilft bei allem. In einem Boot sehe ich mich einen Fluss hinab gleiten in sonniger, friedvoller Landschaft. Ich betrachte die Ufer, die Sträucher und Blumen in allen Farben, es gibt viel zu sehn. Jeden Tag bete ich um das Vertrauen, dass Gott mein Boot in den rechten Fluss setzte, und er wird mir die Landestellen zeigen. Tatsächlich konnte ich im einen oder anderen Büro Interesse wecken, vielleicht wird eine Anstellung draus. Sonst werde ich Kurse belegen, oder ich gründe selbst eine Firma. Ein Stubenhocker bin ich nicht.
Ich kann also sagen: Ohne Arbeit mehr Schlaf. Das Bild von sich selbst muss man vielleicht neu finden, und bis dahin gibt es genug zu tun. Man hat wohl viel Zeit, doch man macht auch viel Unnützes. Die Freude daran fällt manchmal schwer, es ist wie ein Geschenk ohne Geburtstag. Doch es hilft zu vertrauen, dass alles sich fügt. Wo Türen sich schließen, gehn andere auf.
(Beitrag zur Blockparade mit dem Thema “Kultur des Scheiterns” von Petra Schuseil)
Eintrag abgelegt unter Allgemeines. Tags: Entlassung, Job, Mobbing, Vertrauen.
Diesen Artikel zurückverfolgen | Abonniere Kommentare via RSS Feed