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Große Zeiten sind immer Zeiten, in denen alles schief geht.
(Theodor Fontane)
Neun Stunden schlafe ich täglich, seit neun Wochen. Erstaunlich ist, wie normal es von Anfang an schien, zu Hause zu sein, und ohne Arbeit. Ich hole den Schlaf von Jahrzehnten nach, und obwohl ich verstört sein müsste: statt Nervengeflatter spüre ich nun etwas Festes, Stabiles.
Sonst hab ich mich kaum verändert, ich bin immer noch ich. Der Schock ist freilich groß. Ich weiß nicht, wie es weitergeht und ich habe Angst. Doch mein Wesen ist immer noch so, wie mich die Leute kennen, und die Geschichte mit meiner Firma kennen sie auch. Dort wechselte im letzten Jahr die Unternehmensleitung und in der Folge schikanierte man mich. Erst wenig, dann mehr und nach ein paar Monaten geschah das Unfassbare: man hat sich von mir getrennt. Das interessiert jeden und ich erzähle es allen. Doch über kurz oder lang wird das besprochen sein, und dann? Wird Jammern und Greinen zu meiner Natur?
Nicht dass ich mich sorge. Vorerst ist nur mein Alltag anders. Ich lese jetzt die Morgenzeitung ganz, studiere Anzeigen, schreibe Bewerbungen, ich befasse mich mit Anwalt und Arbeitsamt, Büchern, Besuchen, Hausarbeit. Es gibt viel zu tun, und alles dauert länger, denn ich habe Zeit. Ich kann am Tag Wolken zählen und ich träum nachts von vergessenen Uhren. Was für ein Glück, sollte man denken. Jedoch denkt es eher: Tu etwas Sinnvolles! Noch immer jagt mich ein Dämon: Wer nicht arbeitet, verdient kein Vergnügen. Beim Lesen grummelt es, weil ich Einkäufe machen müsste, bei Besuchen denke ich an das ungemachte Bett. Mach dich nützlich! So wurde ich erzogen, so habe ich gelebt. Genießen ist gar nicht so einfach.
Ich habe jedoch gelernt zu vertrauen, und das hilft bei allem. In einem Boot sehe ich mich einen Fluss hinab gleiten in sonniger, friedvoller Landschaft. Ich betrachte die Ufer, die Sträucher und Blumen in allen Farben, es gibt viel zu sehn. Jeden Tag bete ich um das Vertrauen, dass Gott mein Boot in den rechten Fluss setzte, und er wird mir die Landestellen zeigen. Tatsächlich konnte ich im einen oder anderen Büro Interesse wecken, vielleicht wird eine Anstellung draus. Sonst werde ich Kurse belegen, oder ich gründe selbst eine Firma. Ein Stubenhocker bin ich nicht.
Ich kann also sagen: Ohne Arbeit mehr Schlaf. Das Bild von sich selbst muss man vielleicht neu finden, und bis dahin gibt es genug zu tun. Man hat wohl viel Zeit, doch man macht auch viel Unnützes. Die Freude daran fällt manchmal schwer, es ist wie ein Geschenk ohne Geburtstag. Doch es hilft zu vertrauen, dass alles sich fügt. Wo Türen sich schließen, gehn andere auf.
(Beitrag zur Blockparade mit dem Thema “Kultur des Scheiterns” von Petra Schuseil)
Auf Resultate kommt es an!
Vor einem Jahr schloss ich Freundschaft mit einer Zicke und einem faulen Sack. Wir kannten uns schon lange, entdeckten unsere gegenseitige Zuneigung aber nicht gleich. Jetzt mögen wir uns von Herzen, unsere Eigenarten finden wir aneinander reizvoll und den Alltag schmücken wir mit kleinen Gefälligkeiten. Wir arbeiten im selben Büro.
Unsere unvermutete Entwicklung kam mit dem neuen Boss. Bis dahin hatte tagein und tagaus jeder vor sich hingewurstelt und war im eigenen Revier geblieben. Ich hätt mir manchmal mehr Inspiration gewünscht, doch wir beschäftigten uns in der Hauptsache mit Daten und Zahlen, der Laden lief und man blieb für sich.
Nun ist es anders. Seit wir wie Hunde verprügelt werden, sind wir Verbündete. Wir arbeiten gut, doch der Boss will noch mehr. Er peitscht uns durch den Arbeitstag, jagt Zielen nach, die wir nicht verstehen, vieles will er anders und alles schnell. Aufgaben kamen dazu und viel Kritik. Wir leisten mehr als früher, doch es wird nicht gewürdigt.
Hinter geschlossenen Türen kläffen wir über unsere Not. Wir halten einander fest, machen uns Mut, versuchen klarzukommen und ziehn den Schwanz ein. Niemand wagt aufzumucken, der Boss hat viel Macht und Freunde in den richtigen Stellen. Nun gut. Das große Zittern ist bald vorbei, ich hab neue Arbeit gefunden.
Schade um die netten Kollegen!
Ich bin der Boss!
Autoritärer Führungsstil in Unternehmen
Hierarchische Entscheidungsmuster
Der autoritäre Führungsstil steuert ein Unternehmen durch festgelegte Prozesse, Normen und Vorgaben. Entscheidungen fließen von oben nach unten und Anweisungen müssen befolgt werden. Mitarbeiter haben nur wenig Entfaltungsspielraum, werden kontrolliert und in Entscheidungen nicht einbezogen. Grundlage eines autoritären Führungsstils ist die Gehorsamkeit der Mitarbeiter. Wenn diese die Autorität des Chefs anzweifeln, wird ein solcher Führungsstil scheitern.
Der große Vorteil dieses Führungsstils sind die schnellen Entscheidungen, die dadurch möglich werden, dass es kaum Diskussionen gibt. Manager wirken entscheidungsstark und durchsetzungsfähig, sie können direkt Einfluss nehmen auf die Arbeitsabläufe.
Andererseits ist die Gefahr groß, dass Rivalitäten zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzen gefördert, Flexibilität und Kreativität hingegen schwer gemacht werden. Die Motivation der Angestellten bleibt gering, denn sie können sich kaum verwirklichen. Dadurch gehen Talente und Impulse verloren – eine schlechte Basis für Spitzenleistungen.
Aktuelles Beispiel
Hartmut Mehdorn, vor kurzem zurück getretener Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, zählt zu den umstrittensten deutschen Managern und musste schließlich den Hut nehmen aufgrund seines autoritären, von Argwohn geprägten Führungsstils. Das Vertrauen zwischen der Unternehmensführung und den Beschäftigten wurde durch jahrelangen Datenabgleich und E-Mail-Kontrollen so nachhaltig beschädigt, dass ein Verbleib Mehdorns an der Spitze der Deutschen Bahn AG nicht mehr vertretbar war.
Besonders schwerwiegend kann sich beim autoritären Führungsstil auswirken, dass auch unangebrachte Anweisungen des Chefs ausgeführt werden. Das Debakel bei der Bahn konnte sich ereignen, weil Einwände und Stopp-Rufe nicht möglich waren. Mitarbeiterkontrolle und Überwachungswahn kann niemals das Instrument sein, um eine Organisation auf Dauer erfolgreich zu machen, und Mehdorn’s Umgebung hätte versuchen müssen, ihn davon abzuhalten. Ob es Warnungen gab und ob sich in Mehdorn’s Nähe überhaupt noch kritisch denkende und sich äußernde Manager hielten, darf indes bezweifelt werden. Aufsichtsrat, Gewerkschaften und Politik sprangen schließlich ein.
Ende gut? Es könnte besser sein!
Mehdorn, der die Deutsche Bahn zu einem profitablen, internationalen Logistik-Unternehmen gemacht hat, verliert aufgrund einer autoritären und von Misstrauen durchdrungenen Unternehmenskultur seinen Posten und damit die Möglichkeit, als Zugführer eines riesigen Betriebs weiter sein Können zu präsentieren.
Mehr dazu:
Die Welt
Tagesspiegel
Zitat: “Ende gut? Es könnte besser sein!” – © Friedrich Löchner,
Informanten: Denn sie wissen, was sie tun!
Unternehmenskultur: Muss Fehlverhalten gemeldet werden?
„Jahrzehnte der Diktatur und ihrer Bespitzelungssysteme haben es nicht vermocht, die Menschen glauben zu machen, es sei normal, den Arbeitskollegen, Nachbarn oder sogar Freund zu verraten. … Eine konspirative Tätigkeit für das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) galt in der Bevölkerung als anrüchig. Niemand – auch nicht der geworbene Überzeugungstäter – wollte, dass seine Stasi-Mitarbeit bekannt wurde.” (*)
Es herrscht gemeinhin Unsicherheit darüber, ab wann Meldungen an höhere Stellen beginnen, anrüchig zu werden. Bei Straftaten mag es angehen, die Frage „Soll ich? Soll ich nicht?” mit einem einfachen „Ja, ich soll” zu beantworten. Der Schutz der Gesellschaft steht über jedem Zweifel, hier darf nicht gezögert werden.
Petzen zur Vorbeugung
Wie steht es aber mit Verhaltensweisen, die zunächst einmal niemandem schaden, vielleicht aber später? Ist z.B. ein Hinweis an die Unternehmensleitung gerechtfertigt, wenn ein Mitarbeiter der Abteilung Kommunikation sich negativ über die Firma äußert und diese am liebsten verlassen will? Möglicherweise könnte er dann ja kein angemessener Vertreter mehr nach außen sein.
Zum Hintergrund, was Denunzierung eigentlich ist: sie geht an in der Regel an eine übergeordnete Stelle, von der Sanktionen gegen den Betroffenen erwartet wird. Diese Stelle kann aber auch missbraucht werden, um Kontrolle auszuüben. Unter dem Mäntelchen „zum Besten der Firma” beispielsweise verbergen sich nicht selten Motive wie Neid, Rache oder Machthunger.
Risiko einschätzen
Macht ein Mitarbeiter ein einziges Mal eine unangebrachte Äußerung, ist die Antwort auf die Frage „Soll ich…” wieder einfach. Nein, man soll nicht. Wird sie nämlich verraten, hat der Verfasser unangenehme Folgen zu erwarten. Die Fairness gebietet es aber, zunächst einen Blick auf die Situation zu werfen, und in unserem Beispiel wäre zu hinterfragen: Gibt es einen Hinweis darauf, dass er der Firma schaden könnte? Gab es das in der Vergangenheit bereits? Wie professionell geht der frustrierte Mitarbeiter mit der Situation um? Wie überall gilt auch hier: Reden hilft! Ein Gespräch sollte Klarheit schaffen, ob er tatsächlich ein Risiko darstellt, oder ob er nur einen schlechten Tag hatte.
Ein kluger Vorgesetzter oder Kollege wird der Sache aber rechtzeitig auf den Grund gehen, wenn eine Verstimmung gegen die Firma andauert und nach außen erkennbar werden könnte. Dann sollte ein Mitarbeiter auf die Konsequenzen aufmerksam gemacht werden, die sein Verhalten für die Firma haben kann, aber auch für ihn selbst. Wenn die Geschäftsführung Wind davon bekommt, wird sie handeln. Wichtig ist es, die Motive der Abneigung zu erfahren und den Mitarbeiter zu unterstützen bei Schwierigkeiten. Ein solches Gespräch kann im Idealfall bewirken, dass seine Sichtweise sich ändert.
Auf die Lösung kommt es an
Natürlich gibt es Beschäftigte, die im Geist gekündigt haben und trotzdem professionell weiterarbeiten bis zum letzten Arbeitstag vor einer Umorientierung. Wenn aber ein unwilliger Kollege tatsächlich als Gefährdung erkannt wird und ein Gespräch nichts ändert, macht die Einbeziehung der Geschäftsleitung Sinn. Hier kann auch der Grund für die Frustration erörtert und vielleicht sogar eine Lösung gefunden werden. Eine interne Versetzung zum Beispiel ist ein Weg, um eine gute Arbeitskraft zu behalten und womöglich gleichzeitig den Grund für die Demotivation auszuschalten. Es könnte auch Impulse geben für Verbesserungen im Unternehmen, insbesondere wenn noch mehr Mitarbeiter unzufrieden sind.
Es ist auf jeden Fall abzuraten von einer Meldung an Vorgesetzte, ohne die Ursachen beleuchtet zu haben und ohne vorherige Aussprache. Es entstünde sonst der Verdacht, aus dem Wunsch nach Aufmerksamkeit oder Wichtigmacherei heraus zu handeln, oder in einer fragwürdigen Unternehmenskultur gar als Informant unterwegs zu sein. Lassen Sie sich dazu nicht hinreißen!
„Auch in den späteren Jahren der DDR noch sagten Unzählige nein, wenn sie als Spitzel für den Staatssicherheitsdienst angeworben werden sollten. Der menschliche Anstand und die Zivilcourage haben überlebt.” (*)
(*)Joachim Gauck, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen von 1990 bis 2000, 11.09.2000, Essay zum Thema „10 Jahre deutsche Einheit”.
http://www.bstu.bund.de/cln_028/nn_712830/DE/MfS-DDR-Geschichte/Einzelthemen/Zivilcourage/zivilcourage__node.html__nnn=true